Verdampfende planetare Scheiben

Weekly Science Update – Übersetzt von Harald Horneff

Infrarotaufnahme möglicher Proplyds – protoplanetare Scheiben werden durch ultraviolettes Licht benachbarter heißer Sterne verdampft – in der Cygnus-Region. IRAC und Wright et al., 2012


Eine protoplanetare Scheibe ist eine rotierende Scheibe aus Gas und Staub um einen neu entstandenen Stern. Astronomen vermuten, daß nach ein paar Millionen Jahren sich aus solchen protoplanetaren Scheiben Planeten entwickeln werden, wenn die Bedingungen geeignet sind. Doch falls der Stern sich zufällig in Anwesenheit weiterer junger Sterne gebildet hat, besonders solche, die massereich sind, dann kann die energiereiche ultraviolette Strahlung dieser massereichen Sterne einen Teil oder sogar das gesamte Material in der protoplanetaren Scheibe verdampfen.
“Proplyd” ist der Name einer protoplanetaren Scheibe, die zum Teil durch äußere ultraviolette Strahlung abgetragen worden ist; sie haben üblicherweise eine Form, die einer Kaulquappe ähnelt, die in Richtung der UV-Quelle zeigt. Die ersten Proplyds wurden in der nahgelegenen Orion-Molekülwolke entdeckt, wo sie der zerstörerischen Strahlung von vier berühmten heißen, jungen Sternen in dem Trapez-Haufen ausgesetzt sind. Astronomen, die versuchen zu verstehen, wie Sterne und Planeten entstehen und sich entwickeln, haben an anderen Orten nach Proplyds gesucht, um ihre Theorien zu überprüfen, denn die meisten neu entstehenden Sterne haben heiße Nachbarn in der Nähe, die die Ausbildung ihrer Planetensysteme unterdrücken könnten.
Nick Wright, Jeremy Drake, Mario Guarcello und Joe Hora berichteten gemeinsam mit drei weiteren Kollegen über die Entdeckung einer Familie von zehn proplydähnlichen Objekten, die nur etwa 30 Lichtjahre entfernt von dem gewaltigen Superhaufen (etwa fünfundsechzig massereiche, heiße Sterne) in der Cygnus-OB2-Assoziation liegen. Der Cygnus-Haufen ist weiter von uns entfernt als die Orion-Region und ein viel auffälligerer heißer junger Haufen. Die Wissenschaftler berichten von der Entdeckung, daß die Cygnus-Objekte im Vergleich zu den Objekten in der Orion-Wolke morphologische Unterschiede in Größe und Form aufweisen; dies könnte darauf hindeuten, daß es sich nicht um echte Proplyds (Scheiben) handelt, sondern vielmehr um verdampfende Gasglobulen (vielleicht fehlgeschlagene Sterne) oder sogar eine neue Klasse von eingebetteten jungen Sternen, die es geschafft haben, die UV-Zerstörung ihrer Geburtswolken zu überstehen. Die Forschungen, die mit weiteren Untersuchungen spektraler und energetischer Auswertungen fortgesetzt werden, bedeuten einen wichtigen Schritt vorwärts im Verständnis, wie sich planetare Scheiben unter schroffen Bedingungen entwickeln.