Astronomie ohne Teleskop – Doch nicht so alltäglich

Von Steve Nerlich in Universe Today – Übersetzt von Harald Horneff

Es scheint so, daß die berühmten Lieblingsobjekte auf der Südhalbkugel, die wir mit unbewaffnetem Auge sehen können, viel einzigartiger sind, wie wir dachten. Die beiden Zwerggalaxien, die Große und die Kleine Magellansche Wolke, umkreisen die Milchstraße und haben helle Sternentstehungsgebiete. Es hat den Anschein, daß die meisten Satellitengalaxien, die andere große Galaxien umkreisen, solche Gebiete nicht aufweisen. Geht man diese Entdeckung einen Schritt weiter, könnte unsere Galaxis zu einer rückläufigen Minderheit an Galaxien gehören, die sich noch immer gasreiche Zwerggalaxien einverleiben, um ein leuchtendes und jugendliches Aussehen beizubehalten.

Wir denken gemeinhin, daß die Sonne ein gewöhnlicher, nicht besonders bemerkenswerter Stern sei. Aber heutzutage sollten wir zur Kenntnis nehmen, daß die Sonne außerhalb des statistischen Mittels liegt. Die meisten Sterne im sichtbaren Universum sind nämlich Rote Zwerge. Zudem finden sich Sterne viel öfter in Binärsystemen oder größeren Ansammlungen – im Unterschied zu unserer offen-kundig einzelgängerischen Sonne.

Zusätzlich ist die Sonne erfreulicherweise in der lebensfreundlichen Zone der Milchstraße positioniert – nicht zu weit innen, um ständig mit Gammastrahlung bombardiert zu werden, aber dennoch nah genug am Zentrum, um von fortgesetzter Sternbildung zu profitieren, die das interstellare Medium mit schweren Elementen versetzt. Und die Galaxis selbst beginnt, nicht mehr als etwas ganz gewöhn-liches angesehen zu werden. Sie ist so riesig, wie Spiralgalaxien werden können; zudem leuchtkräftig mit aktiver Sternentstehung – und sie ist von hellen Satelliten begleitet.

Das Lamda Cold Dark Matter (Kalte Dunkle Materie) oder Lamda CDM-Modell zur großräumigen Struktur und Galaxienbildung besagt, daß Galaxienbildung ein Vorgang von unten nach oben ist, bei dem die großen Galaxien, die wir heute sehen, sich durch den Zusammenschluß kleinerer Einheiten – einschließlich der Zwerggalaxien – bildeten, die sich selbst zuerst an einer Art Gerüst aus Dunkler Materie gebildet haben könnten.

Durch diesen Aufbauprozeß sollten die rotierenden Spiralgalaxien mit ihren hellen Sternentstehungs-gebieten zu gewöhnlichen Orten werden, die nur dann an Leuchtkraft verlieren, wenn ihnen Gas und Staub ausgeht, das ihnen zuvor reichlich zur Verfügung stand. Und ihr Aussehen werden sie nur ver-ändern, wenn sie mit einer anderen großen Galaxie zusammenstoßen. Dadurch werden sie zuerst zu einer irregulären Galaxie, um sich dann vermutlich zu einer elliptischen Galaxie weiterzuentwickeln.

Das Lamda CDM-Modell sagt voraus, daß andere helle Spiralgalaxien ebenfalls von einer Anzahl gas-reicher Begleitgalaxien umkreist werden sollten, die langsam nach innen gezogen werden, um ihren Gastgebern als Nachschub zu dienen. Wie sonst können diese Spiralgalaxien so groß und hell werden? Doch vorläufig findet man diese Vorstellung nicht bestätigt – und die Milchstraße scheint auch nicht ein allgemein gültiges Beispiel für das zu sein, was man da draußen findet.

Das immer wieder zu beobachtende Fehlen von Satelliten um andere Galaxien herum kann bedeuten, daß das Zeitalter schnell akkretierender und wachsender Galaxien zu einem Ende gekommen ist – ein Argument, das durch das Wissen unterstrichen wird, daß wir entfernte Galaxien ohnehin zu unter-schiedlichen Abschnitten ihres vergangenen Lebens beobachten. So könnte die Milchstraße bereits ein Relikt vergangener Zeiten sein – eine der letzten Galaxien, die noch durch das Einverleiben kleinerer Zwerggalaxien wächst.

Andererseits – vielleicht haben wir einige sehr ungewöhnliche Begleiterinnen. Für einen entfernten Beobachter hat die Große Magellansche Wolke nahezu ein Zehntel, die Kleine Magellansche Wolke annähernd ein Vierzigstel der Leuchtkraft der Milchstraße und – wir finden um die meisten anderen Galaxien nichts dergleichen. Die Wolken dürften daher ein Paar verkörpern, das so ziemlich ohne Beispiel in jedem aktuellen Datensatz einer Himmelsdurchmusterung dasteht.

Vermutlich sind die beiden Magellanschen Wolken vor etwa 2.5 Milliarden Jahren eng miteinander verbunden an der Milchstraße vorbeigezogen – und es ist denkbar, daß dieses Ereignis für die Verlängerung des Zeitraums neuer Sternentstehung verantwortlich ist. So könnten andere Galaxien eine Menge an Begleiterinnen haben – die aber sehr leuchtschwach und daher schwer zu beobachten sind, da diese keine Phase neuer Sternentstehung durchlaufen.

So oder so, unsere eigene Galaxis als Grundlage zum Erstellen eines Modells zu nehmen, um damit die Funktionsweise anderer Galaxien untersuchen zu können, dürfte keine gute Idee sein – unsere Milchstraße ist anscheinend doch nicht so gewöhnlich.

Weiterführende Literatur (im Internet zu finden unter):

arXiv:1009.2875v1

P.A. James and C.F. Ivory

On the scarcity of Magellanic Cloud-like satellites (2010)