Originalveröffentlichung am 22.06.2026 zu finden unter: https://science.nasa.gov/mission/webb/latestnews/
Zusammenfassung: Der in der Geschichte der Menschheit dritte identifizierte interstellare Komet weist eine überraschende chemische Zusammensetzung auf. Dies wirft Fragen darüber auf, wie gewöhnlich oder ungewöhnlich die Bedingungen in unserem eigenen Sonnensystem eigentlich sind.
Vor Milliarden von Jahren, in einem entstehenden Planetensystem irgendwo in der Milchstraße, wurde das eisige Fragment, heute bekannt als 3I/ATLAS, durch die Bildung größerer Planeten hin- und hergeworfen. Gewaltige gravitative Wechselwirkungen katapultierten es schließlich aus dem System, und es begann eine Reise durch unsere Galaxis.
Im Juli 2025 war der Komet erst das dritte interstellare Objekt, das jemals beim Durchqueren unseres Sonnensystems entdeckt wurde – worauf sich die Bezeichnung ‘3I’ in seinem Namen bezieht. Objekte wie 3I/ATLAS bieten die einzigartige Gelegenheit, ein Objekt, das aus sehr großer Entfernung kommt, aus nächster Nähe zu untersuchen. Astronomen nutzten das Instrument NIRSpec (Nahinfrarot-Spektrograph) am James-Webb-Weltraumteleskop der NASA, wobei überraschende Einzelheiten zur chemischen Zusammensetzung von 3I/ATLAS enthüllt wurden; dabei stellte man Verhältnisse von schwerem Kohlenstoff und schwerem Wasserstoff fest, wie sie bei den Kometen unseres Sonnensystems noch nie zuvor beobachtet worden waren. Künftige Untersuchungen interstellarer Objekte werden auf diesen Erkenntnissen aufbauen hin zu einem besseren Verständnis, wie sich unser Sonnensystem in den größeren Zusammenhang unserer Galaxis einfügt.
Als sich der interstellare Komet 3I/ATLAS im Dezember 2025 von der Sonne entfernte, nutzten Astronomen die Gelegenheit, das leistungsstarke James-Webb-Weltraumteleskop der NASA auf ihn zu richten und detaillierte Messungen seiner chemischen Bestandteile vorzunehmen. Der Komet war durch seine größte Annäherung an die Sonne gerade erst erwärmt worden, und sein uraltes Eis hatte sich in eine helle Koma aus Gas verwandelt, die sich hervorragend für Beobachtungen eignete.
Webb erfaßte detaillierte Daten, darunter chemische Verhältnisse von Kohlenstoff und Deuterium (auch bekannt als schwerer Wasserstoff), wie sie bei Kometen unseres Sonnensystems nicht vorkommen. Die Ergebnisse überraschten die Forscher. Indem sie die Bestandteile des Kometen 3I/ATLAS analysierten und Rückschlüsse auf dessen Ursprung zogen, versuchten die Astronomen, die Entstehungsumgebung des Objekts zu verstehen.
Eine Arbeit, in der die Ergebnisse detailliert dargelegt werden, wurde am 22. Juni in der Fachzeitschrift Nature veröffentlicht.
Der Name des Kometen leitet sich von seinem Status als dritter bestätigter interstellarer Komet – er stammt also von außerhalb unseres Sonnensystems – sowie von dem Teleskop ab, das ihn zuerst entdeckte: dem von der NASA finanzierten ATLAS-System (Asteroid Terrestrial-impact Last Alert System).
„Dies war eine einzigartige Gelegenheit, ein uraltes Objekt aus einer fernen Galaxie zu untersuchen, das wahrscheinlich älter ist als unsere Sonne und unser Sonnensystem“, sagte der Astrochemiker Martin Cordiner von NASA’s Goddard Space Flight Center in Greenbelt, Maryland, und Hauptautor der Studie. „Einerseits erhalten wir einen direkten Einblick in jene ferne Zeit und jenen fernen Ort, andererseits erfahren wir etwas darüber, wie ungewöhnlich unser eigenes Sonnensystem womöglich ist.“
Cordiner und sein Forschungsteam nutzten gemeinsam mit Astronomen aus verschiedensten Fachbereichen die Gelegenheit, 3I/ATLAS auf seinem Weg durch das Sonnensystem zu beobachten. Sie erhielten die Genehmigung, den geplanten Beobachtungszeitplan von Webb zu unterbrechen, um das Instrument NIRSpec (Nahinfrarot-Spektrograph) zur Untersuchung des Kometen einzusetzen.
NIRSpec wies außergewöhnlich hohe Konzentrationen an Deuterium nach, etwa 30-mal mehr, als bei Kometen unseres Sonnensystems beobachtet wird. Dies deutet darauf hin, daß 3I/ATLAS seinen Ursprung in einem sehr kalten System haben könnte, das bereits sehr früh in der Geschichte unserer Galaxis existierte. Während seiner Entstehung war das Material, aus dem 3I/ATLAS hervorging, wahrscheinlich starker Strahlung ausgesetzt, jedoch keiner langfristigen Wärmeeinwirkung, die das Eis aus „schwerem Wasser“ (mit Deuterium) in jene Art von H2O-Eis umgewandelt hätte, wie wir es von der Erde kennen.
Zudem wies NIRSpec nur Spuren von Kohlenstoff-13 im Vergleich zum leichteren Kohlenstoff-12 nach. Auch dies deutet auf einen sehr frühen Ursprung von 3I/ATLAS hin, da sich Sternsysteme im Laufe der Zeit, während in der Galaxis Generationen von Sternen entstehen und vergehen, mit Kohlenstoff-13 anreichern. Aus diesem Grund finden sich höhere Konzentrationen von Kohlenstoff-13 in unserem eigenen System, also in der Umgebung unserer Sonne, die sich erst vor relativ kurzer Zeit, vor 4,5 Milliarden Jahren, gebildet hat.
Das Forschungsteam schätzt, daß sich 3I/ATLAS bereits vor 10 bis 12 Milliarden Jahren gebildet haben könnte – während des sogenannten „kosmischen Mittags“ des Universums, als die Sternentstehung ihren Höhepunkt erreichte. Sein ursprüngliches Entstehungssystem war vermutlich in eine relativ kalte, dichte Wolke eingebettet. Der hohe Anteil an schwerem Wasser deutet darauf hin, daß 3I/ATLAS seine Entstehungsphase in einem tiefgefrorenen Zustand verbrachte.
Eine weitere Studie unter der Leitung der Astronomin Cyrielle Opitom von der University of Edinburgh, für die das „Very Large Telescope“ der Europäischen Südsternwarte (ESO) genutzt wurde, ergänzt Webb’s Ergebnisse durch eine Analyse der Kohlenstoff- und Stickstoffvarianten von 3I/ATLAS in Form der chemischen Verbindung Cyanid.
„Für uns als Wissenschaftler ist die Entdeckung dieser seltenen Isotope faszinierend, doch im größeren Zusammenhang geht es darum, die Möglichkeiten präbiotischer Chemie an anderen Orten der Galaxis zu untersuchen“, sagte Stefanie Milam vom NASA Goddard Space Flight Center, die gemeinsam mit Cordiner an der Studie arbeitete. „Bislang kennen wir im riesigen Kosmos nur einen einzigen Ort, an dem chemische Bausteine zur Entstehung von Leben geführt haben: unser Sonnensystem, unsere Erde. Die Analyse dieser interstellaren Objekte ist ein wichtiger Schritt, um zu verstehen, wie häufig oder selten die Bedingungen für die Entstehung von Leben im Universum tatsächlich sind.“
Das James-Webb-Weltraumteleskop ist das weltweit führende Observatorium für Weltraumforschung. Webb wird Rätsel in unserem Sonnensystem lösen, einen Blick auf ferne Welten um andere Sterne werfen und die geheimnisvollen Strukturen und Ursprünge unseres Universums und unseren Platz darin erforschen. Webb ist ein internationales Programm unter der Leitung der NASA und ihrer Partner ESA (Europäische Weltraumorganisation) und CSA (Kanadische Weltraumorganisation).
Interstellarer Komet 3I/ATLAS (NIRSpec IFU)

Bildbearbeitung: Alyssa Pagan (STScI)
- Fast Facts
- Objekt
- Objektname(n): Komet 3I/ATLAS
- Objektbeschreibung: Interstellarer Komet
- Daten
- Instrument: NIRSpec
- Filter: G325H, G395H
- Bild
- Farbinformation: Diese Aufnahmen wurden mit dem Instrument NIRSpec IFU des James-Webb-Weltraumteleskops erstellt. Die Farbe ergibt sich aus der Zuweisung einer Farbkarte zu jedem monochromatischen (Graustufen-)Bild. In diesem Fall sind die zugewiesenen Farben:
- Blau: H2O (2,55–2,90 Mikrometer) Orange/Gelb: CO2 (4,188–4,500 Mikrometer) Rot: CO (4,50–4,85 Mikrometer)
Über das Bild: Das Instrument NIRSpec (Near-Infrared Spectrograph) an Bord von NASA’s James-Webb-Weltraumteleskop kann spezifische chemische und molekulare Signaturen erfassen, wie hier in den drei Aufnahmen des Kometen 3I/ATLAS zu sehen, die jeweils unterschiedliche Bestandteile des Kometen hervorheben.
Forscher nutzen die Integral-Field-Unit von NIRSpec, die für jedes Bildpixel ein Spektrum liefert, um tiefer in die Einzelheiten kosmischer Objekte einzudringen, als es mit den reinen Bildgebungsinstrumenten des Teleskops möglich wäre. Dies ist entscheidend für ein seltenes Objekt wie 3I/ATLAS: Es handelt sich dabei erst um den dritten Kometen aus einem Bereich außerhalb unseres Sonnensystems, der je untersucht wurde, und um den ersten, der mit einem Instrument beobachtet wurde, das eine derart hohe Detailgenauigkeit wie NIRSpec bietet. Anhand der NIRSpec-Daten können Forscher nachvollziehen, woher der Komet stammen und wie sein Heimatsystem beschaffen gewesen sein könnte, um diese Erkenntnisse anschließend mit den bekannten Bedingungen in unserem Sonnensystem zu vergleichen.
3I/ATLAS im Vergleich zu Kometen des Sonnensystems
Über das Bild: Messungen spezifischer Elementvarianten, die mit dem Instrument NIRSpec (Near-Infrared Spectrograph) des James-Webb-Weltraumteleskops der NASA durchgeführt wurden, zeigen, wie stark sich der interstellare Komet 3I/ATLAS von Kometen unseres eigenen Sonnensystems unterscheidet. Die Forscher nutzten NIRSpec, um den Anteil von Kohlenstoff-13, der ein zusätzliches Neutron enthält, im Verhältnis zum häufigeren Kohlenstoff-12 zu bestimmen. Zudem maßen sie die Häufigkeit von schwerem Wasserstoff, also einem Wasserstoffatom mit einem zusätzlichen Neutron.
Webb’s NIRSpec wies überraschend hohe Anteile an schwerem Wasserstoff und schwerem Kohlenstoff nach, was darauf hindeutet, daß 3I/ATLAS aus einer Region stammt, die sich stark von unserem Sonnensystem unterscheidet. Forschern zufolge deuten erste Analysen dieser Ergebnisse darauf hin, daß 3I/ATLAS bereits vor Milliarden von Jahren aus seinem Ursprungssystem herausgeschleudert wurde.


