Astronomie ohne Teleskop – Da steckt mehr dahinter

Egal welchem Druck man im Leben ausgesetzt ist, es gibt jede Woche einen stillen Moment, auf den man sich freuen kann, um den Nachthimmel in Frieden zu betrachten – wenn man seinen Müll vor die Tür bringt.
Diese Form nächtlicher Himmelsbeobachtung erhält weniger Aufmerksamkeit, als ihr vielleicht in der astronomischen Literatur zukommen sollte. Die Gelegenheit, den Nachthimmel einmal in der Woche immer zur gleichen Stunde zu beobachten, eröffnet die Möglichkeit, den Unterschied zwischen Stern- und Sonnenzeit zu erleben, da die gleichen Sterne etwa 28 Minuten früher aufgehen als eine Woche zuvor. Und natürlich kann man schnell die Ekliptik der Planeten und die Mondphase überprüfen.
Selten könnte sich sogar die Gelegenheit für ein Fortbildungsgespräch ergeben. Eine Nachbarin, um meine astronomischen Vorlieben wissend, fragte mich einmal, was mit der Milchstrasse geschehen ist, die sie als Kind gesehen hatte. Für mich keine dumme Frage, da ich mich erinnere, sie als Kind ebenfalls gesehen zu haben die Milchstrasse ist geradezu ein Geist ihrer selbst.
beteigeuze

Beteigeuze


Wir hatten ein angeregtes Gespräch über die Lichtverschmutzung und dann fragte sie es. Was nennt man das Rote dort? Ist es der Mars? Da das Objekt nicht in der Ekliptik lag, war es nicht der Mars und die Nähe zum Gürtel des Orion war ein starker Hinweis. Es ist Beteigeuze, erklärte ich ihr und sie erinnerte sich an einen Namen aus einer Geschichte von Douglas Adams (Autor der Science-Fiction-Reihe  Per Anhalter durch die Galaxis ) und wir trennten uns. Astronomische Lobbyarbeit in sechzig Sekunden.
Mit Interferometrie-Messungen im Infraroten gewonnene Aufnahme des Beteigeuze. Quelle: Xavier Haubois (Observatoire de Paris) et al. (aus APOD vom 06. Januar 2010)
Aber ich hasse dieses farbige Objekt. Jahre habe ich erfolglos mit Schielen zugebracht, um die vermeintlich rote Färbung des Mars oder die gelbliche Tönung des Saturns auszumachen doch sobald ich jemanden für den Nachthimmel interessieren konnte, begannen sie Typ M Superriesen herauszupicken.
Ich bin nicht farbenblind und finde mich tagsüber bestens zurecht. Aber die Nächte zum Müll herausbringen ist immer grundsätzlich eine schwarz-weisse Angelegenheit gewesen.
Zumindest bis jetzt. Ich sah diese Folge aus der Serie Mythbusters, warum die frühen Seeleute eine Augenklappe trugen, so dass sie während einer Seeschlacht immer ein an die Dunkelheit gewöhntes Auge hatten. Der Grund hierfür lag angeblich darin, dass sie für Munitionsnachschub in die Pulverkammer gehen konnten, ohne ein Streichholz anzünden zu müssen.
Wie man vermutlich weiss, dreht sich alles um die Stäbchen und Zapfen in der Retina. Die Zapfen tragen drei Arten von Photopsin die jeweils bevorzugt rot, grün und blau absorbieren, während die Stäbchen das ganz wichtige Rhodopsin tragen das es uns ermöglicht, bei sehr schwachem Licht zu sehen, allerdings nur schwarz-weiss.
Scheinbar benötigt Rhodopsin 30 Minuten, um sich von der Blendung mit Licht zu erholen, während die Photopsine hierfür nur neun Minuten benötigen.
Neun Minuten benötige ich, um Küchenabfälle einzusammeln, Wertstoffe abzutrennen und den Mülleimer an den Strassenrand zu stellen. Dann die Augenklappe absetzen und ich kann einen opsin-optimierten, einäugigen Blick auf den Nachthimmel werfen und ja, da ist eine Spur von orange-rot. Phantastisch.
Jeder sollte es mal ausprobieren. Es wäre in der Tat wohltuend, wenn jeder dies ausprobieren würde und auch weitersagt.
Wenn dann beim nächsten Mal jemand auf der Strasse fragt: Wer ist denn der Verrückte, der wie ein Pirat gekleidet seinen Müll nach draussen bringt? wird irgendjemand in der Nähe sein und erklären: Ist schon in Ordnung. Er ist Astronom.
Von Steve Nerlich in Universe Today. übersetzt von Harald Horneff

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