Originalveröffentlichung am 06.01.2026 zu finden unter: https://science.nasa.gov/mission/webb/latestnews/
Zusammenfassung: Eine kleine Auswahl an Galaxien, die im Archiv von Webb entdeckt wurden, weist eine bisher unbekannte Kombination von Merkmalen auf, die auf eine mögliche neue Population von Galaxien hindeuten
Auf der 247. Tagung der American Astronomical Society haben Forscher nach einer detaillierten Analyse der Archivdaten des James-Webb-Weltraumteleskops vorläufige, aber vielversprechende Ergebnisse vorgestellt: eine kleine Auswahl winziger Galaxien, die in keine der bestehenden Kategorien passen. Der Studienleiter Haojing Yan vergleicht sie mit einem berüchtigten Außenseiter aus einem anderen Wissenschaftszweig, dem biologischen Taxonomie-Rebellen Schnabeltier. Hat das Forschungsteam eine fehlende Verbindung im Kosmos entdeckt?
Nach Durchsicht des Archivs des James-Webb-Weltraumteleskops der NASA, das weitläufige extragalaktische kosmische Felder umfaßt, gibt ein kleines Team von Astronomen der University of Missouri bekannt, daß es eine Gruppe von Galaxien identifiziert hat, die eine bisher unbekannte Kombination von Merkmalen aufweisen. Der Studienleiter Haojing Yan vergleicht die Entdeckung mit einem berüchtigten Sonderling aus einem anderen Wissenschaftszweig: dem Schnabeltier, einem biologischen Taxonomie-Sonderling.
„Es scheint, als hätten wir eine Population von Galaxien identifiziert, die wir nicht kategorisieren können, weil sie so seltsam sind. Einerseits sind sie extrem klein und kompakt, wie eine Punktquelle, doch wir sehen nicht die Eigenschaften eines Quasars, eines aktiven supermassereichen Schwarzen Lochs, wie es die meisten entfernten Punktquellen sind“, sagte Yan.
Die Forschungsergebnisse wurden auf einer Pressekonferenz im Rahmen der 247. Tagung der American Astronomical Society in Phoenix vorgestellt und werden in den Astrophysical Journal Letters veröffentlicht.
„Ich habe mir diese Eigenschaften angesehen und dachte, das ist wie beim Betrachten eines Schnabeltiers. Man denkt, daß diese Dinge nicht zusammen existieren sollten, aber da ist es direkt vor einem, und es ist unbestreitbar“, sagte Yan.
Das Team verringerte eine Stichprobe von 2.000 Quellen aus mehreren Webb-Durchmusterungen auf neun punktförmige Quellen, die vor 12 bis 12,6 Milliarden Jahren existierten (im Vergleich zum Alter des Universums von 13,8 Milliarden Jahren). Spektraldaten liefern Astronomen mehr Informationen, als sie allein aus einem Bild gewinnen können, und für diese neun Quellen passen sie nicht zu den bestehenden Definitionen. Sie sind zu weit entfernt, um Sterne in unserer eigenen Galaxie zu sein, und zu schwach, um Quasare zu sein, die so hell sind, daß sie ihre Wirtsgalaxien überstrahlen. Obwohl die Spektren den weniger weit entfernten „Grünen Erbsen“-Galaxien ähneln, die 2009 entdeckt wurden, sind die Galaxien in dieser Stichprobe viel kompakter.
„Wie Spektren liefert auch der detaillierte genetische Code eines Schnabeltiers zusätzliche Informationen, die zeigen, wie ungewöhnlich dieses Tier ist, da es genetische Merkmale mit Vögeln, Reptilien und Säugetieren teilt“, sagte Yan. „Zusammen zeigen uns die Bilder und Spektren von Webb, daß diese Galaxien eine unerwartete Kombination von Merkmalen aufweisen.“
Yan erklärte, daß bei typischen Quasaren die Spitzen ihrer charakteristischen spektralen Emissionslinien wie Hügel mit einer breiten Basis aussehen, was auf die hohe Geschwindigkeit des Gases hinweist, das um ihr supermassereiches Schwarzes Loch wirbelt. Die Spitzen der „Schnabeltierpopulation“ sind hingegen schmal und scharf, was auf eine langsamere Gasbewegung hindeutet.
Es gibt zwar Galaxien mit schmalen Spektrallinien, die aktive supermassereiche Schwarze Löcher beherbergen, doch diese weisen nicht die punktförmige Eigenschaft auf, die das Team um Yan in seiner Stichprobe identifiziert hat.
Hat Yans Team eine fehlende Verbindung im Kosmos entdeckt? Nachdem das Team festgestellt hatte, daß die Objekte nicht der Definition eines Quasars entsprachen, analysierte der Doktorand Bangzheng Sun die Daten, um festzustellen, ob es Anzeichen für sternbildende Galaxien gab.
„Anhand der uns vorliegenden Spektren mit niedriger Auflösung können wir nicht ausschließen, daß es sich bei diesen neun Objekten um sternbildende Galaxien handelt. Die Daten passen dazu“, sagte Sun. „Das Seltsame daran ist, daß die Galaxien so winzig und kompakt sind, obwohl Webb über die Auflösung verfügt, um uns aus dieser Entfernung viele Details zu zeigen.“
Ein Vorschlag des Teams lautet, daß Webb, wie versprochen, frühere Stadien der Entstehung und Entwicklung von Galaxien offenbart, als wir jemals zuvor sehen konnten. In der Astronomie ist allgemein anerkannt, daß große, massereiche Galaxien wie unsere Milchstraße durch die Verschmelzung vieler kleinerer Galaxien entstanden sind. Aber Yan fragt sich: Was kommt vor den kleinen Galaxien?
„Ich denke, diese neue Forschung stellt uns vor die Frage, wie der Prozeß der Galaxienentstehung überhaupt beginnt. Können solch kleine Baustein-Galaxien auf ruhige Weise entstehen, bevor chaotische Verschmelzungen beginnen, wie ihr punktförmiges Aussehen vermuten läßt?“, so Yan.
Um diese Frage zu beantworten und mehr über die Natur dieser seltsamen Gebilde zu erfahren, benötigt das Team nach eigenen Angaben eine viel größere Stichprobe als neun Objekte sowie Spektren mit höherer Auflösung.
„Wir haben ein großes Netz ausgeworfen und einige Beispiele für etwas Unglaubliches gefunden. Diese neun Objekte standen nicht im Mittelpunkt, sie befanden sich lediglich im Hintergrund der umfassenden Webb-Untersuchungen“, sagte Yan. „Jetzt ist es an der Zeit, über die Auswirkungen nachzudenken und darüber, wie wir die Fähigkeiten von Webb nutzen können, um mehr zu erfahren.“
Das James-Webb-Weltraumteleskop ist das weltweit führende Observatorium für Weltraumforschung. Webb wird Rätsel in unserem Sonnensystem lösen, einen Blick auf ferne Welten um andere Sterne werfen und die geheimnisvollen Strukturen und Ursprünge unseres Universums und unseren Platz darin erforschen. Webb ist ein internationales Programm unter der Leitung der NASA und ihrer Partner ESA (Europäische Weltraumorganisation) und CSA (Kanadische Weltraumorganisation).
Galaxien im CEERS-Feld (NIRCam Ansicht)
- Fast Facts
- Objekt
- Objektname(n): CEERS-Durchmusterung, erweiterter Groth-Streifen
- Objektbeschreibung: Neue Population von Galaxien
- Rektaszension: 14:19:46
- Deklination: +52:53:37
- Sternbild: Boötes
- Abmessung: Das Bild hat einen Durchmesser von etwa 8,8 Bogenminuten
- Daten
- Instrument: NIRCam
- Filter: F115W, F150W, F200W, F277W, F356W, F444W
- Bild
- Farbinformation: Diese Bilder sind eine Zusammensetzung aus einzelnen Aufnahmen, die vom James-Webb-Weltraumteleskop mit dem NIRCam-Instrument aufgenommen wurden. Es wurden mehrere Filter verwendet, um breite Wellenlängenbereiche abzutasten. Die Farbe ergibt sich aus der Zuweisung unterschiedlicher Farbtöne (Farben) zu jedem monochromatischen (Graustufen-)Bild, das mit einem einzelnen Filter verbunden ist. In diesem Fall sind die zugewiesenen Farben:
- Blau: F115W+F150W Grün: F200W+F277W Rot: F356W+F444W
Über das Bild: Vier der neun Galaxien in der neu identifizierten „Schnabeltier“-Probe wurden im Rahmen der Cosmic Evolution Early Release Science Survey (CEERS) des James-Webb-Weltraumteleskops der NASA entdeckt. Ein wesentliches Merkmal, das sie auszeichnet, ist ihr punktförmiges Erscheinungsbild, selbst für ein Teleskop, das so viele Details wie das Webb-Teleskop erfassen kann.
Galaxie CEERS 4233-42232: Vergleich mit dem Spektrum eines Quasars
Über das Bild: Diese Graphik veranschaulicht den ausgeprägten schmalen Peak der Spektren, der die Aufmerksamkeit der Forscher auf eine kleine Stichprobe von Galaxien gelenkt hat, hier vertreten durch die Galaxie CEERS 4233-42232. Es ist die Kombination aus unerwartet schmalen Spektren und einem winzigen, punktförmigen Erscheinungsbild, die diese Galaxien so besonders macht. Normalerweise sind ferne punktförmige Lichtquellen Quasare, aber Quasarspektren haben eine viel breitere Form.



